Interview mit Annefried Simoneit von QUNIS über die Digitalisierungs-Studie
the factlights 2020


Annefried Simoneit ist Consultant Strategy bei Telekom-Partner QUNIS. Zu ihren Schwerpunkten gehören aktuell die Strategie- und Organisationsentwicklung für Data & Analytics-Initiativen, das Thema Data Governance für den Data Lake sowie die Begleitung von Softwareauswahlprojekten für Frontend, Planung und Backend. Darüber hinaus hat sie das Studienprojekt „the factlights 2020“ geleitet und gehört zum Autorenteam der Erhebung. Wir haben uns mit ihr über die Ergebnisse der Studie the factlights 2020 unterhalten.

Annefried Simoneit

Sie haben vor nahezu genau einem Jahr die Untersuchung zur großen factlights Studie 2020 durchgeführt. Was haben Sie sich von den Ergebnissen erwartet?

Unser Ziel der Studie war den Status der Digitalisierung in Deutschland abzubilden. Schon in unserem Alltag spüren wir alle die Digitalisierung – Anbieter wie Amazon, Netflix, Spotify oder Uber waren bereits vor der Corona-Pandemie bekannt.

Jetzt stellten wir uns die Frage, inwieweit die Digitalisierung auch in den Unternehmen im deutschsprachigen Raum angekommen ist. Dabei erwarteten wir eine Veränderung der gesamten Unternehmensorganisation durch die Digitalisierung – angefangen beim Umgang mit Daten im Allgemeinen bis hin zu den Geschäftsmodellen und der Unternehmenskultur. Diese Erwartungen haben sich auch bestätigt, allerdings fiel der Zuspruch abhängig vom Fortschritt der Digitalisierung in den Unternehmen unterschiedlich aus. Und die Unterschiede waren teils gravierend, was uns schon etwas überrascht hat.

Bei welchen Fragestellungen sind Sie in Ihren Erwartungen bestätigt worden?

Bestätigt wurden wir in der These, dass in den Unternehmen das Datenpotenzial zwar erkannt, aber noch lange nicht ausgeschöpft wird. Auch stellen die Datenqualität und ein einheitlicher harmonisierter Datenbestand tatsächlich die größte Herausforderung dar. Belegbar ist zudem die Einsicht, dass eine Strategie hilfreich ist – fehlen eine Strategie bzw. eine Ausrichtung, ist dies gleichzeitig eine weitere große Herausforderung für die Unternehmen. Das sehen wir ganz klar durch die unterschiedlichen Ergebnisse bei Frontrunnern und Adoptern: Bei den Frontrunnern wissen 95 Prozent von einer Strategie ihres Unternehmens, bei den Adoptern sind es lediglich 17 Prozent. Nicht zuletzt hatten wir zu Recht vermutet, dass Analytics, also erweiterte Analysemethoden, aktuell am meisten im Controlling genutzt werden, hier liegt der Anteil bei 71 Prozent.

Welche Überraschungen haben Sie in den Befragungsergebnissen ergeben?

Überrascht hat uns, dass der Anteil von Analytics in Vertrieb und Marketing bereits bei je 50 Prozent liegt, bei 30 Prozent in der Produktion und auch schon bei je 23 Prozent in den Bereichen HR und Logistik. Im Kundenservice hätten wir wiederum mehr erwartet – hier berichten nur 27 Prozent unserer Umfrageteilnehmer davon. Erstaunlicherweise sehen Frontrunner eine verbesserte Unternehmenssteuerung eher als untergeordnete Chance der Digitalisierung, während Adopter dies als größte Chance benennen. Als Chance neuer Geschäftsmodelle wird sie wiederum selten bei Adoptern erkannt, aber von jedem vierten Frontrunner.
Eine weitere Überraschung ist auch die Erkenntnis, dass die Notwendigkeit zu Veränderungen im Mindset bei Adoptern noch nicht angekommen ist. Ebenfalls erstaunt waren wir darüber, dass Konjunkturschwankungen die Unternehmen kaum bremsen.

Überrascht hat uns, dass der Anteil von Analytics in Vertrieb und Marketing bereits bei je 50 Prozent liegt, bei 30 Prozent in der Produktion und auch schon bei je 23 Prozent in den Bereichen HR und Logistik. Im Kundenservice – liegt hier bei nur 27 Prozent – hätten wir wiederum mehr erwartet.

Bezogen auf den Digitalisierungsgrad haben Sie die befragten Unternehmen in Frontrunner (24%), Discoverer (51%) und Adopter (25%) unterteilt. Worin unterscheiden sich die drei Gruppen?

Die drei Cluster unterscheiden sich maßgeblich in den Antworten auf Fragen wie: Verändern die technologischen Einflüsse im Rahmen der Digitalisierung die Produkte und Dienstleistungen Ihres Unternehmens? Trifft die These „Daten werden in unserem Unternehmen als wertvolles Wirtschaftsgut (Asset) gesehen“ auf Ihr Unternehmen zu? Wie ist die Bereitschaft bei Ihnen im Unternehmen, auch in konjunkturschwachen Zeiten in Digitalisierungsinitiativen zu investieren? Wie stark hat sich Ihre tägliche Arbeit durch Digitalisierung, Datenarbeit und Analytics in den letzten zwei Jahren verändert? Und: Existiert bei Ihnen im Unternehmen eine übergreifende Strategie / Roadmap für den Umgang mit Digitalisierung?

Die Frontrunner, als Gruppe mit dem höchsten Digitalisierungsgrad, treiben die Digitalisierung in allen Bereichen mit Investitionen sehr stark voran und gehen im Rahmen dessen stets strategisch vor. Entsprechend stark ist auch der Arbeitsalltag durch Digitalisierung beeinflusst und die Unternehmenskultur durch die zentrale Bedeutung von Daten geprägt.

Als Gruppe mit einem mittleren Digitalisierungsgrad haben die Discoverer die Bedeutung von Daten erkannt und investieren bereits gezielt in Initiativen, allerdings nicht mit höchster Priorität. Das Produkt- und Dienstleistungsportfolio ist digital geprägt und die Veränderungen auch im Arbeitsalltag deutlich spürbar. Zudem ist das Handeln der Discoverer überwiegend strategisch ausgerichtet, eine Roadmap für Digitalisierung ist meist vorhanden.

Bei den Adoptern, der Gruppe mit dem niedrigsten Digitalisierungsgrad, haben Investitionen in Digitalisierungsinitiativen nicht die höchste Priorität und werden selten strategisch angegangen. Dies gilt auch für die Bedeutung von Daten, die eher selten als wertvolles Wirtschaftsgut im Unternehmen gesehen werden. Entsprechend gering sind auch die digitalen Einflüsse auf deren Angebotsportfolio sowie die Veränderung des Arbeitsalltags.

Unterscheidungsmerkmale Digitalisierungscluster Die unterschiedlichen Digitalisierungsgrade in the factlights 2020 von links nach rechts: Adopter, Discoverer und Frontrunner.

Jede Transformation benötigt eine Strategie. Jedoch wussten lediglich etwas mehr als die Hälfte der Befragten (56%), dass es eine Strategie für den Umgang mit Digitalisierung in ihrem Unternehmen gibt. Ist das gut 50 Jahre nach Erfindung des Internets nicht erschreckend?

Auch uns hat dieser niedrige Wert überrascht, zumal es lohnend ist, die Digitalisierungsinitiativen entsprechend zu steuern. Den positiven Effekt sieht man eindeutig an den Digitalisierungsclustern: Je höher der Digitalisierungsgrad, desto häufiger geben die Umfrageteilnehmer an, dass es in ihrem Unternehmen eine Strategie bzw. eine Roadmap im Umgang mit Digitalisierung gibt. Dieses Ergebnis lässt also vermuten, dass durchaus ein Zusammenhang zwischen der Existenz einer Strategie und dem erfolgreichen Bestehen im Kontext der Digitalisierung besteht – sei es aufgrund einer besseren Kommunikation, von klaren Verantwortlichkeiten oder eines definierten Entwicklungspfads. Zunächst zu planen und dann durchdacht zu handeln, scheint daher ein Erfolgsrezept der digitalen Transformation.

Existenz einer Strategie/Roadmap nach Digitalisierungsgrad Eine Transformations-Strategie ist unerlässlich für das Bestehen im Kontext der Digitalisierung.

Welche Erkenntnisse zum Thema Strategie und Digitalisierung haben Sie noch gewonnen? 

Die Digitalisierung zwingt bestehende Prozesse und etablierte Standards in die Knie, denn Daten liegen cross-funktional vor und folgen nicht mehr den etablierten Unternehmensprozessen. Die Folge sind Umgestaltungsmaßnahmen, deren Veränderungs- und Entwicklungsprozesse betreut werden müssen.
Eine weitere Erkenntnis, die ich ziehe, ist, dass eine klar und nachdrücklich kommunizierte Strategie erfolgreicher ist. Darüber hinaus sind Unternehmen erfolgreicher, die ein Bewusstsein für die Inhalte sowie Aspekte einer Strategie schaffen, denn sie setzen die Strategie bzw. Roadmap eher gemäß Plan um. Digitalisierung verlangt außerdem Flexibilität und Änderungsbereitschaft. Zur Umsetzung der Digitalisierung ist das Zusammenspiel mehrerer Abteilungen entscheidend und diese Cross-Funktionalität bedingt ein Umdenken bestehender Prozesse und Arbeitsabläufe. Schlussendlich ist es dringend erforderlich, ein digitales Mindset bewusst zu etablieren. Firmen müssen umdenken, um die Potenziale der Digitalisierung zu heben – und dazu muss ein digitales Mindset nachhaltig in die Kultur eingebettet werden.

Digitalisierung verlangt außerdem Flexibilität und Änderungsbereitschaft. Zur Umsetzung der Digitalisierung ist das Zusammenspiel mehrerer Abteilungen entscheidend und diese Cross-Funktionalität bedingt ein Umdenken bestehender Prozesse und Arbeitsabläufe.

Laut Ihrer Studie scheinen die befragten Unternehmen den Wert von Daten zu kennen, aber noch viel zu wenig zu nutzen? Warum ist das so? 

Genau, und dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen entsteht durch die Digitalisierung eine Flut von Daten, die in ein System integriert, harmonisiert, aufbereitet und bereitgestellt werden müssen. Es sind unterschiedliche Geheimhaltungsstufen einzuhalten, gleichzeitig sollen sie auf Knopfdruck zugänglich sein.
Zum anderen sollen diese vielen Daten bestenfalls von nunmehr nicht nur einer Zielgruppe, sondern von mehreren gleichzeitig genutzt werden können. Dabei gilt es zu beachten, dass jede Zielgruppe die gleiche Datengrundlage und keine eigenen Datensilos verwendet. Kurzum: Mit der Digitalisierung entsteht eine Flut an Daten, die es zu managen gilt.
Das ist schon eine große Herausforderung für jedes Unternehmen. Man kann schon sagen, dass der Digitalisierungsgrad der einzelnen Branchen unterschiedlich ausgeprägt ist. Nehmen wir als Beispiel den Handel. Dort sind verschiedenste Applikationen im Einsatz und Daten liegen aufgrund des Business Modells schon stark digital vor – über den Einkauf, Verkauf, Logistik, Einzelhandel etc. Aufgrund dieser zentralen Rolle für das Unternehmen werden die Daten stark als Asset wahrgenommen und darauf aufbauend weitere Projekte gezündet.
Im Vergleich dazu steht ein Unternehmen aus dem Umfeld des Baugewerbes noch in hohem Maße vor der Herausforderung, seine Daten überhaupt zu digitalisieren. Die Branche und die Arbeitsabläufe sind noch sehr stark durch Papier und manuelle Daten geprägt, lediglich das Kerngeschäft wird durch ein ERP-System gesteuert und einzelne Unternehmensbereiche arbeiten zunehmend datengestützt. Hier ist es also notwendig, zunächst Grundlagenarbeit zu machen und die Mehrwerte von Daten zu vermitteln – entsprechend ist auch die Wahrnehmung von Daten als ein Asset eine andere.

Datenmanagement

Sprich ein großes Thema ist das Datenmanagement. Was wäre diesbezüglich Ihre Empfehlung?

Mit den vielen verschiedenen Datenquellen und der wachsenden Anzahl an Zielgruppen wird ein geeignetes Datenmanagement unverzichtbar – für jedes Unternehmen. Ein einheitlicher harmonisierter und standardisierter Datenbestand ist notwendig, hierzu haben wir auch die Zustimmung der Umfrageteilnehmer. Über zwei Drittel der Befragten bewerten die Aussagen „Ein einheitlicher Datenbestand entscheidungsrelevanter Daten ist essenziell“ als eine der fünf wichtigsten Erkenntnisse im Rahmen der Digitalisierung.

In der Praxis sind hierfür diverse Maßnahmen erforderlich. Dazu zählen die Verarbeitung und Bereitstellung von strukturierten wie semi- und unstrukturierten Daten in einer integrierten Datenlandschaft sowie die Sicherung der Datenqualität. Wichtig ist auch die Reduzierung von fehleranfälliger manueller Datenpflege, die Sicherung der Datenverfügbarkeit und der Aufbau eines Single Points of Truth mit einer einheitlichen Kennzahlendefinition. Auch gilt es, stets aktuelle und konsistente Daten und die Ergebnisse an weiterführende Applikationen für das Management bereitzustellen und natürlich auch zielgruppenspezifische Zugriffsrechte zu sichern.

Im besten Fall ist diese Datenlandschaft bzw. der sogenannte Data Lake so flexibel aufgebaut, dass auch zukünftige Digitalisierungsinitiativen eingebunden werden können. Der Begriff Data Lake hat sich im Markt etabliert, um die komplexe und vielschichtige Architektur dieser allumfassenden Datenlandschaft zu beschreiben.

Eine geeignete Datenwelt, die richtige strategische Ausrichtung sowie das dazu passende Mindset sind die wesentlichen Erfolgskriterien.

Auf Grundlage der Studienergebnisse und Ihrer praktischen Erfahrung als Consultant: Warum scheitern Digitalisierungsprojekte oder was muss passieren, damit sie erfolgreich werden? 

Digitalisierung muss ganzheitlich angegangen werden. Daten, Strategie, Organisation und Mindset sind dabei zentral! Außerdem sollte man Digitalisierungsprojekte als Transformationsprozess betrachten. Alle Unternehmen befinden sich aktuell in solch einem Prozess – egal ob Frontrunner, Discoverer oder Adopter. Eine geeignete Datenwelt, die richtige strategische Ausrichtung sowie das dazu passende Mindset sind hierbei die wesentlichen Erfolgskriterien.

Und was wäre in puncto Digitalisierung Ihr Rat oder Appell an den deutschen Mittelstand insgesamt?

Mut und Spaß an Veränderung sind der Schlüssel. Den Unternehmen, die noch in den Anfängen stehen, rate ich darüber hinaus: Seid neugierig! Und den Unternehmen, die gescheitert sind, rate ich: Gebt nicht auf! Denn in jedem Unternehmen und jeder Branche steckt Potenzial zur Digitalisierung. Jedes Unternehmen kann auf den Prüfstand stellen, was es erreicht hat, was es noch erreichen will und wie das möglich ist.

Das Schöne bei all dem Wandel und den Herausforderungen ist jedoch, dass die Stimmung positiv ist. Denn der Großteil der Befragten sieht seinem weiteren digitalen Arbeitsalltag mit Zuversicht und Freude entgegen und selbst Konjunkturabkühlungen bremsen die Digitalisierung nur bedingt.

Über the factlights 2020

Über the factlights 2020

the factlights ist eine Initiative des Data & Analytics-Experten QUNIS: Die Studie the factlights 2020 wurde zusammen mit namhaften Partnern und Sponsoren durchgeführt. Dazu zählen die CA Controller Akademie, führender Schulungs- und Weiterbildungsanbieter für Finance und Controlling, die Rechtsanwaltsgesellschaft HEUSSEN, der Digitalisierungsexperte Liebich & Partner sowie die WTS ITAX

Die kompletten Studienergebnisse der Erhebung mit allen Zahlen, Daten und Fakten stehen kostenfrei zum Download unter www.the-factlights.de/studie2020 bereit.